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„Morbus Mediterraneus“. Wie rassistische Codes die Gesundheit von Menschen gefährden.

Im Gespräch mit Alissa aus Rheinland-Pfalz.

Rassistische Vorurteile finden sich leider überall. In unserer „Initiative Betriebliche Demokratiekompetenz“ arbeiten bundesweit Menschen mit Herz und Haltung daran, rassistische Vorurteile und Verschwörungserzählungen mit Kompetenz – und Wissensvermittlung zurück zu drängen. Bei einem Projektbesuch in Mainz, trafen wir auf Alissa, die gemeinsam mit ihren Kolleginnen von ihrer Demokratiearbeit im Gesundheitswesen berichtete. Im Gespräch fiel ein Begriff, den wir nicht sofort verstanden, der aber an Deutlichkeit im Grunde nichts vermissen lässt. „Morbus Mediterraneus“. Im ersten Moment dachten wir noch, wahrscheinlich ausgelöst durch den bekannten lateinischen Begriff Morbus, dass es sich um eine Erkrankung handelt, die wir nicht kennen oder die eben nur ganz selten auftritt. Aber in der Tat verhält es sich leider ganz anders, wie Alissa aus dem Projekt „Wir sind vielfältig – Wir sind stark – Rassismus freie Pflege“ im Rahmen unseren Interviews erläutert.

Alissa, du und dein Team arbeiten an der Entwicklung von Demokratiekompetenz im Bereich der Pflege. Was genau muss ich mir darunter vorstellen? Was macht ihr da und vor allem mit wem?

Alissa: Genau, mein Team von AGARP und ich nehmen teil am bundesweiten Programm „Unsere Arbeit: Unsere Vielfalt. Initiative für betriebliche Demokratiekompetenz“. Unser Projekt nennt sich „Wir sind vielfältig/ Wir sind stark – rassismusfreie Pflege“ und richtet sich an Pflegekräfte in ganz Rheinland-Pfalz.

Ausschlaggebend für unseren Fokus auf die Pflegebranche war vor allem eine Studie der Universität Vechta[1], die belegt, dass sich die ohnehin schon schwierigen Arbeitsbedingungen in der Pflege für Pflegekräfte mit Migrationsgeschichte noch weiter verschärfen. So bekommen sie laut Studie weniger Anerkennung von Vorgesetzten und Angehörigenfamilien, sind rassistischen Kommentaren ausgesetzt, leisten häufiger Überstunden und fühlen sich in der Folge häufiger erschöpft. Diese Studie sahen wir als alarmierend an und sie stellt auch eine Herausforderung für die Gesellschaft dar. Insbesondere vor dem Hintergrund des demographischen Wandels, in dem Menschen immer älter werden, nimmt professionelle Pflege eine immer wichtigere gesellschaftliche Rolle ein. Der Bereich der Pflege stellt eines der entscheidenden Zukunftsthemen westlicher Industriegesellschaften dar.   

Im Mittelpunkt unseres Projekts stehen also die Mitarbeiter*innen von Pflegeeinrichtungen, und zwar sowohl von Rassismus Betroffene als auch Nichtbetroffene. Denn nur, wenn sich jede*r Einzelne mit den Mechanismen auseinandersetzt, die zur Erhaltung rassistischer Strukturen beitragen, können wir Rassismus in Institutionen und Einrichtungen nachhaltig bekämpfen.

Dazu haben wir zwei Workshopreihen entwickelt, die für das Thema Rassismus am Arbeitsplatz sensibilisieren und aufklären sollen. Am Anfang beider Workshops steht immer eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff Rassismus. Genauer, wie Rassismus als gesellschaftlich vielschichtiges Phänomen Macht und Ungleichheitsverhältnisse produzieren kann.  

[1] Pflegekräfte mit Migrationshintergrund in der professionellen Pflege in Deutschland: Zwischen gelungener Integration und Benachteiligung

Welche Zielsetzungen haben die Workshops und welche Methoden verwendet ihr?

Der Empowermentworkshop richtet sich ausschließlich an Mitarbeiter*innen von Pflegeeinrichtungen mit Rassismuserfahrungen, um so einen geschützten Raum für die Teilnehmer*innen zu schaffen. An erster Stelle in Empowerment-Workshops steht die Ressourcen- bzw. Stärken-Perspektive, die in positiver und aufwertender Weise auf die Aktivierung von Eigenressourcen gerichtet ist.

Der zweite Workshop ist ein Sensibilisierungsworkshop, der sich generell an Mitarbeitende in der Gesundheitsbranche richtet. Es soll der Blick auf die Betroffenen umgelenkt werden zu den Menschen, die Rassismus, wenn auch unbewusst und ohne es zu wollen, durch ihr Verhalten aufrechterhalten.

Die Teilnehmer sollen ermuntert werden, sich kritisch mit eigenen Vorurteilen und Stereotypen auseinanderzusetzen. In einem weiteren Teil des Workshops werden insbesondere die Auswirkungen von Rassismus in der Medizin/Pflege auf die Patient*innen betrachtet und diskutiert. Um ein Gefühl für Ungleichbehandlungen von Patient*innen mit Migrationsgeschichte zu bekommen, empfehle ich das Video vom RBB „Was tun gegen Rassismus in der Medizin“ mit Alice Hasters. Danach ist die Betroffenheit meist groß. Das Video ist bei Youtube zu finden.

Natürlich kann uns auch Abwehr in verschiedenster Form entgegenschlagen, denn die Auseinandersetzung mit Rassismus ist zwangsläufig mit einer hohen Emotionalität verbunden, aber das überwiegende Feedback ist positiv und die Teilnehmer*innen zeigen sich dankbar.

Du hast uns bei unserem Besuch in eurem Büro in Mainz einen Begriff eingeordnet, bei dem ich für einen kurzen Moment sehr irritiert war. „Morbus Mediterraneus“. Geht’s da um eine besondere Krankheit?

Alissa: Bei dem Begriff „Morbus Mediterraneus“, auch „Morbus Bosporus“ oder „Balkan Syndrom“ genannt, handelt es sich nicht um eine real existierende Erkrankung. Vielmehr handelt es sich um eine pseudowissenschaftliche „Krankheits“-Bezeichnung durch Pflegepersonal und Ärzt*innen, welche von rassistischen und stigmatisierenden Vorurteilen genährt werden.

Er beschreibt ein angebliches Phänomen, nachdem Patien*innen aus dem Mittelmeerraum eine niedrigere Schmerzschwelle als weiße Europäer hätten, generell wehleidiger seien und ihre Beschwerden überdramatisieren würden. Dies kann zu konkreten Benachteiligungen von Menschen mit Migrationsgeschichte durch medizinisches Personal führen, bspw. durch geringere Beachtung von Beschwerden, voreiliger Diagnosen, Respektlosigkeiten in der Kommunikation oder durch die Gefahr gar weggeschickt zu werden.

Was genau mit Mittelmeeraum gemeint ist, ist allerdings nicht näher definiert, es handelt sich also nicht um einen klar umrissenen geographischen Raum. Vielmehr sind mit dem Begriff „Morbus Mediterraneus“ Menschen gemeint, die äußerlich als nicht-weiß eingruppiert werden.

Rassismus findet in jedem gesellschaftlichen Bereich statt, allerdings stellen die Pflege und damit verbundene Institutionen eine Besonderheit dar, wenn rassistische Stereotype seitens der medizinischen Angestellten zu Fehlversorgungen oder Minderversorgungen führen. Denn dann kann Rassismus tatsächlich töten.

Natürlich wäre es jetzt einfach, betroffene Pflegekräfte und Ärzte als rassistisch zu stigmatisieren, allerdings wäre das zu kurz gegriffen und im Kern falsch. Wir alle haben Vorurteile und Stereotype durch unsere Sozialisation in einem rassistischen System übernommen, niemand kann sich davon freimachen. Menschen mit Migrationsgeschichte erleben es tagtäglich auf ihre kulturelle oder ethnische Herkunft reduziert zu werden und somit nicht mehr als Individuum, sondern als Vertretung einer homogenen Gruppe wahrgenommen zu werden.

Auch die schweren Arbeitsbedingungen, welche die Angestellten in der Gesundheitsbranche an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit bringen, sind an der Entstehung von Phänomenen wie dem „Morbus Mediterraneus“ mit beteiligt.  So haben Pflegekräfte in einer qualitativen Studie[2] aus dem Jahr 2021 berichtet, dass sie sich dabei ertappt haben im stressigen und hektischen Alltag hinsichtlich ihrer Patienten auf Vorurteile und Stereotype zurückgefallen zu sein, um Zeit zu sparen und unsichere Situationen zu vermeiden.

Die Behandlung von Menschen mit Migrationsgeschichte in der Gesundheitsbranche ist also auch eng mit dem Wohlergehen von Pflegekräften verknüpft.

[2]  The system has to be health literate, too” – perspectives among healthcare professionals on health literacy in transcultural treatment settings

Vielen Dank für diese wichtige Einordnung. Eine letzte Frage. Wie genau kann Eure Demokratiearbeit denn unterstützt werden? Kann man einfach bei Euch anrufen und ihr kommt vorbei?

Alissa: Absolut, wir kommen gerne in Ihrer Pflegeeinrichtung vorbei. Da wir vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gefördert werden, entstehen für unsere Teilnehmer*innen und Partnereinrichtungen auch keinerlei Kosten. Im Gegenteil, wir möchten, dass die Akteur*innen der Pflegebranche in vielerlei Hinsicht von uns profitieren. Schicken Sie uns also einfach eine Email mit einer Anfrage oder rufen Sie uns an und wir kommen zu Ihnen.

Natürlich ist uns auch bewusst, dass Fortbildungen wie unsere zeitintensiv sind. Hier sind wir in der Lage, flexibel auf Wünsche und Arbeitsbedingungen der Teilnehmer*innen einzugehen. So haben wir bereits erfolgreich jährliche Fortbildungen für Praxisanleiter*innen abgedeckt oder auch Berufsschüler*innen im Klassenverbund geschult. Sowohl online als auch in Präsenz.

Natürlich kommen wir auch gerne auf Sie zu, sollten Sie Interesse haben und gehen gemeinsam mit Ihnen in die Planung.

Unterstützen können Sie uns, indem Sie uns bekannter machen, indem Sie uns teilen und über uns sprechen (hier geht es zur Projektseite mit Kontakt und weiteren Informationen).


Das Gespräch führte Sandro Witt, Projektleiter „Koordinierungsprojekt Initiative für betriebliche Demokratiekompetenz“